Reden wir über „Long Covid“

Am 16. März jährt sich der Tag, an dem der erste bundesweite Corona-Lockdown verhängt wurde. Viele Menschen leiden noch immer an den Folgen der Pandemie. Auch wenn die Pandemie längst für beendet erklärt wurde, gibt es Schätzungen zufolge 400 Millionen Menschen weltweit, die an Long Covid leiden. Diese komplexe post-virale Erkrankung charakterisiert sich durch mehr als 100 Symptome, die in unterschiedlichen Kombinationen auftreten und auch mehr als drei Monate nach Beginn einer Covid-19-Infektion bestehen bleiben.

Das Spektrum der Symptome ist vielfältig – die Schwere variiert: Nach einer Corona-Infektion kann es zu länger andauernden Beschwerden kommen, zusammengefasst unter dem Begriff Long Covid. Studienergebnisse zeigen, dass Menschen, die auch lange nach einer Corona-Infektion noch Gesundheitsprobleme haben, ein breiteres Spektrum an Symptomen aufweisen als bisher angenommen.

Was ist Long Covid?

Als Long Covid bezeichnet werden, wenn sie länger als 28 Tage anhalten. Die  Versorgung von Long COVID-Betroffenen ist schwierig, denn sie sind mit ganz unterschiedlichen gravierenden Symptomen konfrontiert. Dabei gilt es insbesondere auf gesundheitliche Veränderungen zu achten, die man als ungewöhnlich empfindet. Manche Betroffene sind aus ihrem Berufsleben herausgerissen. Einige könnten sich Monate nach der eigentlichen Erkrankung nicht mehr richtig konzentrieren und zum Beispiel Texte nicht mehr verstehen.

Ratloses Hin- und Herschicken

Weil es bisher keine Tests gibt, die Long Covid eindeutig nachweisen können, führt in der Regel der Hausarzt eine Anamnese durch. Kann ein Organschaden ausgeschlossen werden, wird mit einer symptomatischen Therapie begonnen. Patienten werden dafür oft von Pontius bis Pilatus geschickt, denn neben Neurologen, Lungenfachärzten, Internisten, Immunologen, HNO- und Herzspezialisten, sind für die Genesung oft auch Physiotherapeuten, Psychologen, Kinesiologen, Ernährungsberater und Atempädagogen vonnöten.

Häufig genannte Anzeichen

Ein Forschungsteam aus Seattle wertete 54 Studien mit Daten aus 2020 und 2021 aus. Mittlerweile sind über 200, oft unterschiedlich schwer auftretende Symptome identifiziert worden:

  • chronische Müdigkeit (Fatigue-Syndrom)
  • Konzentrationsprobleme, Erinnerungslücken (kognitive Störungen)
  • Kopfschmerzen
  • Herzprobleme, Herzrasen, Brustschmerzen
  • Luftnot, Kurzatmigkeit
  • Angststörungen
  • Depression
  • Verlust des Geruchssinns
  • Haarausfall
  • Minderung der Libido
  • Erektionsstörungen
  • Brustschmerzen
  • Fieber
  • Amnesie
  • Darminkontinenz
  • Halluzinationen
  • Schwellungen der Gliedmaßen
  • Apraxie – die Unfähigkeit, vertraute Bewegungen oder Befehle auszuführen
  • stärkere Periode
  • u.v.m.
 

Wohin gehen wenn ich Anzeichen habe?

Der Hausarzt ist die erste Anlaufstelle für Patienten mit Verdacht auf Long COVID. Zur Abklärung wird ein interdisziplinäres Assessment mit anderen Fachgruppen vorgeschlagen, zum Beispiel, wenn bestimmte Symptome dominieren. In einer Übersichtsarbeit analysierten Forscher des Austrian Institute for Health Technology Assessment (AIHTA) in Wien (Österreich) aktuelle Managementstrategien von Long-COVID-Patienten in den Gesund­heitssystemen von Großbritannien, Niederlande, Deutschland, Österreich und den USA. Zur Stärkung des Selbstmanagements der Patienten mit Long COVID empfehlen die Studienautoren Bewegungstherapien, Ernährungsberatung, Stressabbau oder die Teilnahme an Long-COVID-spezifischen Onlineprogrammen. Der Versorgungspfad Long COVID steht als Download im PDF-Format zur Verfügung: Versorgungspfad Long COVID (PDF, 265 KB)

Stufen von Covid

Viele verwechseln die Begriffe „Long-Covid“ und „Post-Covid“. Laut Definition des britischen National Institute for Health and Care Excellence (NICE) gilt:

  • Akute Covid Erkrankung: Symptome und akute Erkrankung bis zu vier Wochen nach der Infektion.
  • Weiterbestehende Covid-Erkrankung: Symptome vier bis zwölf Wochen nach der Infektion.
  • Post-Covid: Symptome ab zwölf Wochen nach der Infektion.
  • Long-Covid: Symptome ab vier Wochen nach der Infektion. Also der Zeitraum nach der akuten Covid-Erkrankung, dieser schließt die weiterbestehende Covid-Erkrankung und Post-Covid ein.
  • Unbekannte Spätfolgen: Studie: Mutmaßlich erhöhtes Reinfektionsrisiko nach Long COVID.

 

Long-COVID-Selbsthilfegruppen in Österreich

Das Interesse ist groß. Die Mitglieder der Long Covid Austria – Patienteninitiative, Selbsthilfegruppe und Verein sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Es geht vor allem darum, über das Erlebte zu sprechen, sich gegenseitig bei der Genesung zu unterstützen und fachliche Informationen zu sammeln. Auch die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) plant Anlaufstellen für diese „Long-Covid“-Patienten und -Patientinnen. Auch gibt es ein Post Covid/Long Covid – Selbsthilfegruppe in der Steiermark. Auch gibt es diverse Bücher zu diesem Thema.

Österreich verlor durch Covid rund 350.000 Lebensjahre

Laut einer Studie hätten vor allem auch ältere Menschen viele „gesunde Lebensjahre“ verloren. In den durch den neuen SARS-CoV-2-Erreger geprägten Jahren 2020 bis 2022 gingen in Österreich laut einer neuen Studie unter Führung britischer Forscherinnen und Forscher rund 350.000 Lebensjahre quasi verloren. Mehr als die Hälfte davon hätten die Betroffenen in weitestgehender Gesundheit verbracht, so die Schätzung. Neben Covid selbst geht aber auch ein großer Anteil der „verlorenen Jahre“ auf die Begleitumstände der Pandemie, wie Brüche in der Medizin-Versorgung, zurück.

Unter „gesunden Lebensjahren“ versteht man in den Gesundheitswissenschaften die Anzahl jener verbleibenden Jahre, die eine Person ab einem bestimmten Alter aller Voraussicht nach ohne mittelschwere oder schwere Gesundheitseinschränkungen leben wird.

Da dieser Wert bei hochbetagten Menschen in der Regel stark abnimmt und nach dem Auftreten von Covid-19 rasch klar war, dass die Hochrisikogruppe vor allem aus sehr alten Menschen besteht, gab es immer wieder auch Stimmen, die darauf hinwiesen, dass der Verlust an gesunden Jahren vielleicht vergleichsweise gering ausfallen könnte – eine These, die die neuen Studienergebnisse allerdings eher nicht stützen.

Österreich „verlor“ rund 70 Lebensjahre pro 1.000 Einwohner

Allerdings: Der Anteil verlorener Jahre im Rahmen der Pandemie, die nicht direkt auf Covid-19 zurückzuführen sind, war laut der Analyse beträchtlich – nämlich zwischen 3,6 und 5,3 Millionen Lebensjahre. Und dieser Anteil sank auch nicht ab, als die Covid-19-Impfungen anfingen zu greifen. Im Gegenteil: Die Nicht-Covid-Übersterblichkeit stieg in den meisten Ländern im Untersuchungszeitraum nämlich an.

Für Österreich weist die Studie im ersten Pandemiejahr ein Lebensjahr-Minus von knapp 90.000 sowie in den Folgejahren – mit deutlich stärkeren Covid-Wellen – rund 123.000 (2021) und 140.000 Jahren (2022) aus. Beim Umlegen der verlorenen Jahre auf die Gesamtbevölkerung liegt Österreich mit rund 70 Jahren Verlust pro 1.000 Einwohner eher im hinteren Mittelfeld der 18 untersuchten Länder.

Während in Estland, Polen, Spanien, Ungarn und Tschechien die anteilig meisten Lebensjahre abhanden kamen – nämlich über bzw. um 100 pro 1.000 Einwohner -, waren es in der Schweiz, Dänemark oder Schweden relativ wenige – nämlich um die 20. Für Deutschland ermittelten die Wissenschafter einen Wert um die 50 verlorene Lebensjahre pro 1.000 Personen. Außer in Schweden kehrte bis Ende 2022 die Lebenserwartung von Menschen über 35 Jahre in keinem Land zum Niveau des Jahres 2019 zurück.

 

Links zum Thema:

Quellen

 

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